Alpine und subalpine Rasen charakterisieren die Hochlagen der Alpen. Sie werden von den Spezialisten bewohnt, denen das raue Klima nichts anhaben kann. Im Folgenden wird nun genauer erklärt, welche Bedingungen dort oben herrschen, wie sich die Pflanzen daran anpassen, welche Gesellschaften sich ausbilden und welche Tiere dort leben. Auch der Einfluss des Menschen wird näher erläutert.

Vorkommen

Alpine und subalpine Rasen sind die einzigen natürlichen Wiesengesellschaften Mitteleuropas. Sie können nur dort entstehen, wo ihnen keine Konkurrenz durch Bäume und Büsche droht. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet liegt also über der Baum- bzw. Waldgrenze. Dieser Bereich wird als alpine Stufebezeichnet. Im Hochgebirge werden die Lebensbedingungen für Pflanzen mit zunehmender Höhe immer schlechter und so verhindern sinkende Temperaturen, steigende Windgeschwindigkeiten und eine Verschlechterung der Wasserversorgung das weitere Aufsteigen des Waldes bzw. derBäume (vgl. MERTZ: 355). Die subalpine Stufe liegt zwischen Wald- und Baumgrenze (1500-2300m), darüber folgt dann die weitgehend gehölzfreie alpine Stufe (1900-2800m), in der Rasengesellschaften überwiegen (vgl. MERTZ: 21). Durch den Einfluss des Menschen wurde die Waldgrenze bis in die subalpine Stufe zurückgedrängt, so dass nun auch dort Rasen wachsen können. Nach oben hin lösen sich die Rasen in Rasenfragmente auf, welche teilweisebis in die subnivale Stufe reichen. Alpine und subalpine Rasen findet man in Mitteleuropa hauptsächlich in den Alpen und in der Hohen Tatra, gelegentlich kommen sie auch in den deutschen Mittelgebirgen vor. Sie sind dabei nicht nur auf die alpine und subalpine Stufe beschränkt, da sie in Lawinenrinnen, an Wasserläufen oder aufanderweitig (auch anthropogen) baumfrei gewordenem Gelände bis etwa 300m unter der Waldgrenzevorkommen (vgl. MERTZ: 355).

Standortvoraussetzungen

Klima

In den Alpen findet man besondere klimatische Bedingungen vor.

Luftdruck: Der Luftdruck nimmt mit zunehmender Höhe ab. Dadurch enthält die Luft weniger CO2 und Wasser, was ein Problem für die Pflanzen darstellt. Beim Öffnen der Spaltöffnungen verlieren sie nunmehr Wasser. Um genügend CO2 aufzunehmen, müssen die Pflanzen ihre Spaltöffnungen zusätzlich länger geöffnet lassen. Dadurch kann sich der Wasserhaushalt der Pflanze bei knappem Nachschub weiter verschlechtern (vgl. LANDOLT: 39).

Temperatur: Die Temperatur nimmt mit zunehmender Höhe ab. Alle 100 m um ca. 0,55 °C. Dadurch verkürzt sich die Wachstumsperiode (100 m à 6-7 Tage) und das Pflanzenwachstum ist weniger intensiv. Die wärmste Luftschicht findet sich direkt über der Erdoberfläche, da diese Wärmestrahlung abgibt (vgl. LANDOLT: 39). Neben den grundsätzlich niedrigeren Temperaturen müssen die Pflanzen zusätzlich mit einem plötzlichen Wechsel zwischen Sommer und Winter rechnen (vgl. ELLENBERG: 532).

Sonneneinstrahlung: In der Höhe findet eine bedeutend größere Sonneneinstrahlung statt, als in tieferen Lagen. Die Luft ist staub- und wassertropfenarm, wodurch nur ein geringer Anteil der Strahlung reflektiert oder gestreut wird. Durch die direkte Einstrahlung werden Gegenstände und der Bodenstärker erwärmt. An Südhängen kann dadurch die geringere Lufttemperatur kompensiert werden und die Pflanzen dringen dort in höhere Lagen vor (vgl. LANDOLT: 40).

Nächtliche Ausstrahlung: Auch die nächtliche Ausstrahlung wird mit zunehmender Höhe größer und es besteht in den bodennahen Schichten für die Pflanzen fast das ganze Jahr über Frostgefahr. Sie müssen daher auch während der Wachstumsperiode frostunempfindlich sein (vgl. LANDOLT: 41).

Licht: Helligkeit und UV-Anteil der Strahlung nehmen mit der Höhe zu. Dies begünstigt zum einen den Zuckeraufbau der Pflanzen, macht aber andererseits besondere Schutzmechanismen nötig (z.B. rote Pigmentierung, Haarschutz, dicke Kutikula; vgl. LANDOLT: 44).

Niederschläge: Die jährliche Niederschlagsmenge nimmt mit der Höhe zu (Steigungsregen). Grundsätzlich ist für die Pflanzen also genug Wasser vorhanden. Ausnahmen bilden steile Südhänge und windexponierte Hänge, dort trocknet der Boden schneller aus (vgl. LANDOLT: 46).

Feuchtigkeitsgehalt der Luft: Der Feuchtigkeitsgehalt der Luft nimmt mit zunehmender Höhe ab. Die relativ trockene Luft führt bei den Pflanzen zu einem höherem Wasserverlust durch Transpiration. Dadurch besteht eine größere Vertrocknungsgefahr (vgl. LANDOLT: 47).

Schneeverhältnisse: Mit der Höhe nimmt auch die Zeit der Schneebedeckung zu. Unter einer Schneedecke erreicht die Pflanzen, je nach Mächtigkeit des Schnees, weniger Licht. Blütenpflanzen benötigen mindestens zwei Monate ohne Schneebedeckung um wachsen zu können. Eine Schneedecke bringt für Pflanzen aber auch Vorteile. Sie wirkt isolierend und schützt somit die Pflanzen vor Frost, häufig bleibt der Rasen unter der Schneedecke das ganze Jahr über grün. Ein weiterer positiver Effekt ist die Eigenschaft der Schneeschicht als Wasserreserve. Sie hält den Boden feucht und verhindert somit das Austrocknen (vgl. LANDOLT: 47f).

Wind: Auch die Windgeschwindigkeit nimmt in der Höhe zu, was einen weiteren negativen Faktor für das Pflanzenwachstum darstellt. Der starke Wind steigert zum einen die Verdunstung der Pflanzen und kann sie beschädigen oder sogar ausreißen. Daher brauchen die Pflanzen eine gute Verankerung im Boden, relativ unempfindliche Pflanzenteile und einen Verdunstungsschutz.

In der alpinen und subalpinen Stufe herrschen also verschärfte Wachstumsbedingungen für die Pflanzen. Die wenigen Vorteile, wie z.B. mehr Licht durch höhere Strahlungsintensität, werden von vielen Risiken begleitet (zu hohe UV-Strahlung). Es bedarf also einer speziellen Anpassung um dort überleben zu können.

Anpassungen der Pflanzen an das Klima

Ein bedeutendes Problem für die Pflanzen im Hochgebirge ist die kurze und kalte Vegetationsperiode. Diese zieht automatisch eine allgemein verringerte Aktivität aller Lebensvorgänge nach sich. Alpine Pflanzen wachsen deshalb sehr langsam und lassen sich für ihre Blütenentwicklung teilweise zwei Jahre Zeit. Die vegetative Vermehrung, also durch Ausläufer, Brutknospen oder Zerfall von Sprossbündeln in Tochtertriebe ist weit verbreitet. Aus Mangel an bestäubenden Insekten ist die Selbstbestäubung nicht selten (vgl. REISIGL: 22). Als Schutz vor der stärkeren UV-Strahlungen ist die Kutikula häufig verdickt oder die Blätter enthalten UV-absorbierende Pigmente. Auf den Wärmemangel haben sich die Pflanzen eingestellt, indem bei ihnen schon bei viel tieferen Temperaturen das Wachstum und der Stoffwechsel funktionieren. Außerdem sind sie wesentlich frostunempfindlicher, denn die Gefriertemperatur ihrer Blätter liegt wesentlich tiefer (vgl. REISIGL: 25). Eine weitere Besonderheit ist, dass 70 % der Gebirgspflanzen auf beiden Blattseiten Spaltöffnungen haben. Dadurch können die Pflanzen den Gasaustausch steigern und mehr CO2 aufnehmen. Viele Gebirgspflanzen haben einen bis zu 40 % leistungsfähigeren Photosyntheseapparat als Talpflanzen. Dadurch können sie den verringerten Partialdruck des CO2 ausgleichen (vgl. REISIGL: 26). Auch das Wurzelsystem ist an die besonderen Lebensbedingungen angepasst. Das Feinwurzelsystem einer Gebirgspflanze ist bis zu fünfmal länger als das einer Talpflanze. Dadurch wird zu der durch den kalten Boden verlangsamten Nährstoffaufnahme ein Ausgleich geschaffen (vgl. REISIGL: 26). Als Schutz vor den starken Winden haben die Blätter häufig einen xeromorphen Bau und schützen ihren Vegetationspunkt durch eine Hülle aus abgestorbenen Blättern. Diese Hülle wird Strohtunika genannt (vgl. REISIGL: 26). Vergleicht man Pflanzen, diesowohl im Gebirge als auch in den Tieflagen vorkommen, so fällt auf ,dass die der Hochlagen deutlich kleiner sind (vgl. REISIGL: 25).

Gestein und Boden

Welcher Boden sich entwickelt hängt mit vom Ursprungsgestein ab. Über Silikat haben wir im Hochgebirge eine Entwicklungsreihe von alpinen Silikatrohböden über Ranker bis hin zu alpinen Rasenbraunerden. Über Kalk und Dolomit entwickelt sich erst eine Protorendzina und daraus eine Kalkstein-Rendzina. Über Kalk-Silikat-Gestein kann sich über eine Pararendzina eine alpine Rasenbraunerde oder ein alpiner Rasenpodsol entwickeln (vgl. REISIGL: 12). Ob es sich um Boden über Kalk- oder Silikatgestein handelt, spielt für die Rasengesellschaften eine entscheidende Rolle. Einige findet man nur auf Silikatgestein und andere nur auf Kalkgestein. Dies liegt an der Konkurrenz der Rasenpflanzen untereinander. Sauerbodenpflanzen gehen aufkalkhaltigem Boden schnell ein und zurück bleiben die kalkliebenden Pflanzen. Diese könnten jedoch ebenso gut auf saurem Boden wachsen. Von dort werden sie aber von den Sauerbodenpflanzen verdrängt. Warum die Sauerbodenpflanzen nur sehr schlecht auf kalkhaltigem Boden wachsen, lässt sich noch nicht sicher sagen (vgl. ELLENBERG: 545). Nach REISIGL(S.12) sind die Kalkpflanzen Stoffwechselspezialisten und sie können die überschüssigen Ca2+-Ionen unschädlich machen. Dies tun sie, indem sie die Ionen entweder mit Oxalsäure neutralisieren oder sie mit Apfelsäure verbinden.

Rasengesellschaften

Je nach Gestein, Boden und Lokalklima entwickeln sich unterschiedliche Rasengesellschaften.

Kalkrasen

Polsterseggenrasen (Firmetum)
Die Polstersegge (Carex firma) gehört mit zu den Pionierpflanzen der Hochgebirge und tritt hauptsächlich zwischen 1700 und 2000 m ü. NN auf. Sie siedelt sich auf wind- und kälteexponierten, früh ausapernden Felsrücken und Graten aus Kalk oder Dolomit an (vgl. MERTZ: 388). Dort bildet sie harte Halbkugelpolster mit sternartig starren, dunkelgrünen, ledrigen Blättern, die nur oberflächlich wurzeln, wodurch sie durch Lawinen und Steinschläge leicht verfrachtet werden. Die Polster schließen sich zu kleinflächigen, lückigen Rasen zusammen (vgl. REISIGL: 88-92), die häufig typische Treppenformen aufweisen (vgl. MERTZ: 388). Der Boden ist eine geringmächtige schwarze „Pechrendzina“ mit hohem CaCO3-Gehalt (30-90%) und pH-Wert (6,5-7,2) aber einem niedrigen Humusgehalt von 22 %. Für Carex firma ist der unmittelbare Kontakt der Wurzeln mit dem Kalksubstrat wichtig. Nachdem der von ihr neugebildete Boden eine zu große Mächtigkeit erreicht hat und ihre Wurzeln den Kontakt verlieren, wird ihr Standort von anderen Pflanzen übernommen. An steilen Hängen treten im Polsterseggenrasen häufig Solifluktionsformen wie Sicheltreppen und Girlanden auf, welche durch Viehtritt noch mal verstärkt werden. Die einzige Nutzung dieser Rasen besteht in einer gelegentlichen Schafbeweidung (vgl. MERTZ: 388). Weiter typische Pflanzen (vgl. Landolt) in diesem Rasen sind Silberwurz (Dryas octopetala), Bläulicher Steinbrech (Saxifraga caesia), Alpen-Sonnenröschen (Helianthemum alpestre), Clusius-Enzian (Gentiana clusii) und die Zwergorchis (Chamorchis alpina). Polsterseggenrasen kann sich zu Nacktriedrasen oder Blaugras-Horstseggenrasen weiterentwickeln (vgl. REISIGL: 88-92).

Blaugras-Horstseggenrasen (Seslerio-Semperviretum)
Die blumenreichen Blaugras-Horstseggenrasen findet man vor allem an warmen, sonnigen Kalksteinhängen oder auf Schutthalden in 1600-2400 m ü. NN (vgl. MERTZ: 394). In Lawinenbahnen können sie allerdings auch noch in Höhen des subalpinen Waldes vorkommen (vgl.REISIGL: 75-80). Insgesamt handelt es sich um den am weitesten verbreiteten Rasentyp der Alpen (vgl. MERTZ: 394). Diesehr hohe Artenzahl (über 50) zeugt von den für diese Höhe besonders günstigen Lebensbedingungen .Beim Boden handelt es sich um eine schwachsaure bis neutrale, verbraunte Rendzina mit einem pH-Wert von 5,6-7,4. Das Grundgerüst des Rasens bilden das Blaugras (Sesleria caerulea; es wächst als Einzeltrieb oder in lockeren Horsten) und die Horstsegge (Carex sempervirens; sie wächst in dicken, dichtgepackten Einzeltrieben mit Strohtunika), dazwischen siedeln sich zahlreiche andere Pflanzen an. Der Blaugras-Horstseggenrasen ist in mehreren Schichten aufgebaut, an denen man die verschiedenen Entwicklungsstadien erkennen kann. Zuerst die Bodenschicht aus den Resten der ursprünglichen Schuttpioniere, aus denen mittelhohe Kräuter hervorragen, welche wiederum von Grasartigen und einigen Hochstauden überragt werden (vgl. REISIGL: 75-80). Die Gesamterscheinungsform ist häufig ein wenig treppig und durch Frostwechsel und Bodennässe nach der Schneeschmelze kommt es leicht zum Abrutschen einzelner Rasenstücke (vgl. ELLENBERG: 545-547). Die Hauptgefährdung für Blaugras-Horstseggenrasen stellt der Wintersport dar. Durch die Skipisten wird die Erosion verstärkt und e skommt zu Hangabbrüchen. Eine Beweidung ist meist wenig sinnvoll, da diese Rasen dafür zu wenig produktiv sind (vgl. MERTZ: 394). Weitere typische Pflanzen (vgl. LANDOLT: 87) neben Blaugras und Horstsegge sind Feldspitzkiel (Oxytropis campestris), Berg –Spitzkiel (Oxytropis jacquinii), Nacktstengelige Kugelblume (Globularianudicaulis), Alpen-Aster (Aster alpinus) und Edelweiss (Leontopodium alpinum).

Rostseggenrasen (Ferruginetum)
Der Rostseggenrasen ist ein dichter wuchskräftiger Rasen, der viele Schmetterlingsblütler und Alpenkräuter enthält (vgl. MERTZ: 392). Er wächst innerhalb der subalpinen und unteren alpinen Stufe (200-2500 m ü. NN) hauptsächlich an schwach geneigten Hängen und Hangmulden (vgl. ELLENBERG:550f), kommt aber auch in Lawinenbahnen und entlang von Wildbächen vor (vgl. MERTZ: 392). Bevorzugt wächst er auf frischen bis feuchten, auch wasserzügigen tiefgründigen Böden, welche man häufig auf tonigen Mergeln und Schiefern findet (vgl. REISIGL: 83). Außerdem benötigt er einen günstigen Wasserhaushalt und reichlich Nährstoffe und der Boden darf im Sommer nie austrocknen (vgl. ELLENBERG: 550f). Die Schneedecke darf auch erst dann abschmelzen, wenn keine harten Fröste mehr drohen (vgl. MERTZ: 392). Rostseggenrasen stellen geschätzte Weiden dar, werden durch den Rückgang der Almwirtschaft aber immer seltener genutzt. Fehlt die Mahd, so bildet das abgestorbene Blatt- und Halmwerk eine Gleitbahn, was die Lawinengefahr erhöht. Häufigere Lawinen erhöhen zusätzlich noch die Erosionsgefahr (vgl. ELLENBERG: 550f). Neben den häufigeren Lawinen kann auch der allmählich aufkommende Hochwald zur Konkurrenz für die Rasen werden (vgl. MERTZ: 392), dies deutet darauf hin, dass es sich bei diesen Rasen um eine anthropogene Vegetation handelt. Rostseggenrasen enthalten zahlreiche seltene und gefährdete Alpenpflanzen. Typisch (vgl. LANDOLT:87) sind Kugel-Orchis (Orchis globosa), Alpen-Anemone (Pulsatilla alpina), Berg-Esparsette (Onobrychis montana), Gletscherlinse (Astragalus frigidus), Narzissenblütige Anemone (Anemone narcissiflora) und natürlich die Rostsegge (Carex ferruginea).

Nacktriedrasen (Elynetum)
Nacktriedrasen sind relativ selten und treten kleinflächig auf windexponierten Felskanten und Graten der Kalkalpen in 2100-2800 m ü. NN auf (vgl. MERTZ: 391). Allerdings kann das Nacktried auch auf Kalk-Silikat-Gestein wachsen. Diese Rasen sind durch die rostrote Färbung des Nacktriedes (Elyna myosuroides), welches ursprünglich aus den innerasiatischen Steppen stammt, leicht zu erkennen. Dank seiner großen Widerstandsfähigkeit gegenüber Wind und Kälte kann es an extremen Standorten wachsen. Zum Schutz bildet es am Grund eine besonders große Strohtunika aus, was nötig ist, da es im Winter meist nicht von Schnee bedeckt ist. Nacktriedrasen wächst bevorzugt auf humusreichen, trockenen und mäßig sauren bis neutralen Böden (vgl. REISIGL: 96-100). Auf Grund des extremen Standortes handelt es sich bei Nacktriedrasen meist um Dauergesellschaften oder Abbaustadien von anderen Rasen. Nacktriedrasen tritt nie als Pioniergesellschaft auf Schutt oder Fels auf, da es feinerdereichen Boden und einen guten Wurzelgrund benötigt (vgl. ELLENBERG: 549f). Typische Pflanzen für diese Rasengesellschaft sind das Einköpfige Berufkraut (Erigeron uniflorus), das Karpaten-Katzenpfötchen (Antennaria carpatica), die Kleinblütige Segge (Carex parviflora) und die Gletscher-Nelke (Dianthus glacialis). Daneben ist der Rasen häufig von Flechten durchsetzt (vgl.LANDOLT: 88).

Silikatrasen

Krummseggenrasen (Curvuletum)
Krummseggenrasen ist im Silikatgebirge die typische Vegetation der oberen alpinen Stufe (2500-2800m). Nach unten findet ein Übergang zu Nardetum-Weiderasen statt und nach oben löst er sich in Rasenfragmente auf. Er wächst auf flachen Kuppen, ist aber an Stellen, die im Winter schneefrei sind nicht zu finden (vgl. MERTZ: 402). Krummseggenrasen entsteht nur auf saurem Substrat, häufig aufjungen, sehr kalkarmen Rankern. Auf karbonatarmen Böden bildet er das Endstadium der Vegetationsentwicklung (vgl. ELLENBERG: 551-554). Der Krummseggenrasen ist relativ eintönig strukturiert und es wachsen nur wenige Blütenpflanzen in ihm (vgl. MERTZ: 402). Die Blätter der Krummsegge (Carex curvula) sterben durch Pilzbefall ab und bekommen dadurch ihre typische Krümmung (vgl. REISIGL: 52-55). Diese Blätter wirken windbremsend, wodurch sich in den unteren Schichten der Verdunstungswiderstand erhöht. Die Krummsegge teilt sich ihren Lebensraum hauptsächlich mit verschiedenen Strauchflechten. Insgesamt handelt es sich beim Krummseggenrasen um den höchststeigenden Wiesentyp der Alpen und er ist von einer sehr geringen Produktivität geprägt (vgl. MERTZ: 402). Deswegen und wegen des sehr geringen Futterwertes ist er nur selten von Vieh beweidet (vgl. ELLENBERG: 551-554). Besonders empfindlich reagiert er auf mechanische Störungen und Erschließungstätigkeiten. Hauptgefährdungsquelle sind hierbei die Skipisten, denn durch Abschleifen exponierter Rasenstellen steigt die Erosionsgefahr (vgl. MERTZ: 402). Typische Pflanzen (vgl. LANDOLT: 87) sind das Zweizeilige Kopfgras (Sesleria disticha), das Krainer Kreuzkraut (Senecio carniolicus), das Graue Kreuzkraut (Senecio incanus), die Alpen-Margerite (Chrysanthemum alpinum), der Rosetten-Ehrenpreis (Veronica bellidioides), der Kleine Augentrost (Euphrasia minima), die Halbkugelige Rapunzel (Phyteuma hemisphericum) und das Kerners Läusekraut (Pedicularis kerneri).

Borstgrasrasen (Nardetum)
Borstgrasrasen tritt hauptsächlich in der subalpinen Stufe auf. Hier konnte er sein Verbreitungsgebiet durch menschlichen Einfluss stark ausweiten. Ursprünglich kam er hauptsächlich in subalpinen und hochmontanen Lawinenrunsen vor. Da Borstgras (Nardus stricta) aber sehr resistent gegen Viehtritt und Verbiss ist, breitete sich der Borstgrasrasen schnell in Almgebieten und Weideregionen der Gebirgslagen aus (vgl. REISIGL: 34). Er stellt keine besonderen Ansprüche an den Boden, meidet aber flachgründige, skelettreiche Böden (vgl. MERTZ: 398). In extensiv beweideten Rasen kalkarmer Böden ist das Borstgras wohl die erfolgreichste Pflanze. Ihre sehr langsam verwitternden toten Blätter bilden rund um den Horst eine schwer durchdringbare Decke. Dadurch bleibt nur wenig Raum für andere Pflanzen (vgl. REISIGL: 34). Weideauflassung, Veränderung der Hochlagennutzung aber auch großflächige Intensivierungen führten zu tiefgreifenden Veränderungen innerhalb des Borstgrasrasens (vgl. MERTZ: 398). Er enthält häufig (vgl. LANDOLT: 86) die Halbkugelige Rapunzel (Phyteuma hemisphericum) und den Rosetten-Ehrenpreis(Veronica bellidioides).

Tiere

In der alpinen und subalpinen Stufe leben nicht nur besonders angepasste Pflanzen, sondern auch einige Tiere haben sich spezialisiert. Eines der populärsten ist das Alpenmurmeltier (vgl. Bundesamt für Naturschutz): Alpine Rasen stellen den natürlichen Lebensraum der Alpenmurmeltiere dar. Sie graben an denBerghängen drei Meter tiefe und bis zu zehn Meter lange Erdhöhlen. Dabei bevorzugen sie vor allem Südhänge mit wasserundurchlässigem, grabfähigem Boden. Dort leben sie kolonieartig in einem Familienverband zusammen. Mit ihrem sehr dichten Fell, das sie um Energie zu sparen nur einmal im Jahr wechseln, sind sie gut an das raue Klima angepasst. Wahrscheinlich ist gerade ihre Hitzeempfindlichkeit der Grund, warum sie nicht in tieferen Lagen vorkommen (800-3200 m, bevorzugt 1500-1800 m). Den harten Winter überdauern sie in einem bis zu sieben Monate dauernden Winterschlaf. Ihre Nahrung setzt sich je nach Angebot aus Wurzeln, Zwiebeln, Kräutern, Gräsern, Früchten und Samen zusammen. Sein größten Raubfeinde sind Steinadler, Uhu und Fuchs. Ein weiterer typischer Vertreter ist das Alpenschneehuhn (Lagopodus mutus). Auch das Schneehuhn hat sich besonders an die Bedingungen oberhalb der Waldgrenze angepasst. Es wechselt sein braunes Sommergefieder im Herbst in ein weißes, um weiterhin gut getarnt zu sein. Außerdem hat es befiederte Füße und Zehen, was einerseits warm hält aber auch beim Laufen auf Schnee von Vorteil ist. Man findet es noch in Höhen von 3600 m, es brütet aber nur bis 2400 m. Im Winter, den sie meist in Gruppen von ca. 30 Tieren verbringen, wird noch eine weitere Eigenart erkennbar. In kalten Nächten graben sie sich Höhlen in den Schnee, in denen sie übernachten. Durch die isolierende Wirkung des Schnees ist es in diesen Höhlen teilweise 20° C wärmer als an der freien Luft. Als weitere Säugetiere wären noch die Schneemaus, der Schneehase der Steinbock und die Gemse zu nennen. Typische Insekten sind die Sibirische Keulenschrecke und die Gewöhnliche Gebirgsschrecke. Auch Schmetterlinge kommen sehr häufig vor, wobei für trockene Rasen der Alpengelbling typisch ist während man auf feuchten Quellfluren eher auf den Alpenapollo trifft (vgl. JEDICKE: 247)

Der Mensch

Einfluss

Im Vergleich zur natürlichen Vegetation hat sich die Waldgrenze durch den anthropogenen Einfluss teilweise um mehrere hundert Meter nach unten verschoben. Dadurch hat sich das Verbreitungsgebiet der alpinen Rasen in die tieferen Lagen ausdehnen können (vgl. ELLENBERG: 517). Durch Beweidung (und früher auch durch Forstwirtschaft) wurde eine Verjüngung der höher gelegenen Waldgebiete verhindert. Nachdem die alpine Stufe aber immer seltener landwirtschaftlich genutzt wird, kommt es häufig zu einer Verbuschung gerade an Standorten der subalpinen Rasen (vgl. WÜTHRICH: 137)

Störung

Werden alpine und subalpine Rasen beweidet, ändert sich die Pflanzenzusammensetzung. Es verschwinden die von den Tieren bevorzugten Pflanzen, und die weniger gern gefressenen und gegen Trittschäden unempfindlichen vermehren sich (Borstgrasrasen) (vgl. Bundesamt für Naturschutz). Aber auch die Aufgabe der Beweidung kann zur Gefahr für die Rasen werden. Fehlen Beweidung und Mahd, kommt es in der subalpinen Stufe schnell zur Verbuschung, und der Lebensraum für Rasen verschwindet (vgl. WÜTHRICH: 137). Heutzutage werden die größeren Probleme aber von der Freizeitnutzung ausgelöst. Sowohl im Winter als auch im Sommer werden Schäden verursacht. Von Wanderern, Mountainbikern und Motocross-Fahrern häufig genutzte Wege werden durch Regen stark ausgespült, und die dabei entstehenden Erosionsrinnen breiten sich schnell aus (vgl. Bundesamt für Naturschutz). Neben den Trittschädenwerden von Wanderern auch durch das Pflanzensammeln Schäden an der Vegetation verursacht (vgl.OZENDA: 116). Für die Wintersportler werden immer mehr Skipisten angelegt. Durch die Bearbeitung mit Pistenraupen und die künstliche Beschneiung verlängert sich die Schneebedeckung und dadurch verkürzt sich die Vegetationsperiode, die nun vielen Pflanzen nicht mehr ausreicht (vgl. Bundesamt für Naturschutz).

Schutzmaßnahmen

Um die Folgen des Tourismus zu verringern werden verschiedene Maßnahmen ergriffen. Um das Sammeln seltener Pflanzen einzuschränken, werden Verbotsschilder aufgestellt (vgl. OZENDA: 123), und um die Schäden des Wintersports zu mildern, werden nach Ende der Skisaison Dünge- und Saatmischungen ausgestreut. Das kann zwar den Hang stabilisieren und das Erosionsrisiko verringern, aber es führt auch zu einer anderen Pflanzenzusammenstellung als der ursprünglichen. Die typischenalpinen Rasen können damit nicht geschützt werden (vgl. Bundesamt für Naturschutz).

Fazit

Alpine und subalpine Rasen können also nur dort entstehen, wo es Bäumen und Sträuchern nichtmöglich ist zu wachsen. Das heißt wiederum, dass sich die Pflanzen in diesen Rasen an dieungünstigen Klimabedingungen anpassen mussten. Neben dem Klima spielt der Mensche eine wichtige Rolle bei der Artenzusammensetzung der Rasen. Durch die Beweidung wurden viele gegen Tritt- und Fraßschäden empfindliche Pflanzen verdrängt und ihr Platz wurde von resistenteren Pflanzen wie dem Borstgras eingenommen. Alpine und subalpine Rasen teilen sich in typische Kalk- und typische Silikatrasen auf, wobei beide inder Natur meist nicht idealtypisch ausgebildet sind. Speziell angepasste Tiere wie das Schneehuhn bewohnen diesen Lebensraum und sind durch den Menschen genauso gefährdet wie die Rasen selber. Durch den immer populärer werdenden Wintersport werden die durch den Menschen verursachten Schäden in Zukunft wohl noch zunehmen, da immer mehr Wintersportgebiete erschlossen werden müssen.

Literatur

ELLENBERG H. (1996): Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen in ökologischer, dynamischer undhistorischer Sicht. Stuttgart
JEDICKE L. U. E. (1992): Farbatlas Landschaften und Biotope Deutschlands. Stuttgart
LANDOLT E. (1992): Unsere Alpenflora.
MERTZ P. (2000): Pflanzengesellschaften Mitteleuropas und der Alpen. Landsberg/Lech
OZENDA P.(1988): Die Vegetation der Alpen im europäischen Gebirgsraum. Stuttgart
REISIGL H., KELLER R. (1994): Alpenpflanzen im Lebensraum. Stuttgart
WÜTHRICH F. (2001): Lebenswelt Alpen. Aarau

 

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